Hier schreibt Menschenbruder Karaviro aus dem Orden des Seelenbaumes. Texte aus dem Wald, vom Weg und von dem, was trägt.
Die Geschichte
Im tiefen Wald, dort wo das Licht nur gefiltert durch das Blätterdach fällt und die Stille so dicht wird, dass man das eigene Herz pochen hört, wanderte Bruder Karaviro auf den Spuren seiner Natur. Er gehörte dem Orden des Seelenbaumes an, jener uralten Gemeinschaft, die lehrt, dass die Wurzeln des Menschen tiefer reichen, als sein Bewusstsein ahnt, und dass die Krone erst wachsen kann, wenn das Dunkle unter der Erde angenommen ist. Der Seelenbaum vereint alle Seelen dieser Welt zu einem einzigen Wesen. Jede Seele eine Frucht an seinen Ästen, genährt vom selben Saft, getragen vom selben Stamm, verwurzelt im selben Grund. Wer das wirklich begreift, nicht nur mit dem Verstand, sondern mit jeder Faser seines Seins, der kann nicht mehr töten, ohne sich selbst zu verwunden, und nicht mehr hassen, ohne sich selbst zu vergiften.
Karaviro hatte Jahre in der Kontemplation verbracht. Er kannte die Schriften, er kannte die Übungen, er kannte die Landkarten der inneren Welten. Und so trieb es ihn weiter, um noch grössere Mysterien zu entdecken. Hinaus in den unüberschaubaren, dichten Wald, in dem wir uns so leicht verlieren. Denn der äussere Wald ist nur ein Spiegel des inneren, und wer den einen betritt, betritt unweigerlich auch den anderen. Dorthin, wo die Theorie endet und die nackte Begegnung beginnt. Wo kein Buch mehr hilft und kein Meister mehr antwortet.
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