Der goldene Regenbogendrache
Im tiefen Wald, dort wo das Licht nur gefiltert durch das Blätterdach fällt und die Stille so dicht wird, dass man das eigene Herz pochen hört, wanderte Bruder Karaviro auf den Spuren seiner Natur. Er gehörte dem Orden des Seelenbaumes an, jener uralten Gemeinschaft, die lehrt, dass die Wurzeln des Menschen tiefer reichen, als sein Bewusstsein ahnt, und dass die Krone erst wachsen kann, wenn das Dunkle unter der Erde angenommen ist. Der Seelenbaum vereint alle Seelen dieser Welt zu einem einzigen Wesen. Jede Seele eine Frucht an seinen Ästen, genährt vom selben Saft, getragen vom selben Stamm, verwurzelt im selben Grund. Wer das wirklich begreift, nicht nur mit dem Verstand, sondern mit jeder Faser seines Seins, der kann nicht mehr töten, ohne sich selbst zu verwunden, und nicht mehr hassen, ohne sich selbst zu vergiften.
Karaviro hatte Jahre in der Kontemplation verbracht. Er kannte die Schriften, er kannte die Übungen, er kannte die Landkarten der inneren Welten. Und so trieb es ihn weiter, um noch grössere Mysterien zu entdecken. Hinaus in den unüberschaubaren, dichten Wald, in dem wir uns so leicht verlieren. Denn der äussere Wald ist nur ein Spiegel des inneren, und wer den einen betritt, betritt unweigerlich auch den anderen. Dorthin, wo die Theorie endet und die nackte Begegnung beginnt. Wo kein Buch mehr hilft und kein Meister mehr antwortet.
Da entdeckte er ihn. In einer Lichtung, die wie ein Auge im Wald aufging, lag schlafend ein goldener Regenbogendrache. Sein Atem ging langsam wie Gezeiten, wie das Ein und Aus des kosmischen Atems selbst. Seine Schuppen schimmerten in Farben, die Karaviro nie gesehen hatte, Farben jenseits des Spektrums, die direkt in die Seele leuchteten. Als würde man in die Sonne blicken und statt Blindheit Sehen empfangen.
Entzückt stand er da. Angezogen von einer Macht, die älter war als Worte, älter als die Trennung von Licht und Dunkel am ersten Tag. In diesem Moment hätte er knien können. Hätte warten können. Hätte fragen können. Doch etwas in ihm wollte mehr. Wollte besitzen. Wollte bezwingen. Der alte Hunger, der nie gestillt worden war, erwachte und flüsterte ihm zu, dass er dieses Wunder zu seinem machen könnte.
Er weckte den Drachen.
Denn Bruder Karaviro wusste: In ihm selbst schlummerte ein unbedingtes Monster. Er hatte es den Existenzverschlinger genannt. In seinen dunklen Stunden spürte er, wie diese Kraft alles vereinnahmen wollte, alles unter sich bringen, alles kontrollieren. Manche nennen es den Schatten, andere das Ego in seiner entfesselten Form: jene Urangst vor dem Verschwinden, die sich in Gier nach Mehr verwandelt. Draussen in der Welt der Menschen hatte der Verschlinger keine ebenbürtige Kraft gefunden. Karaviro hatte gesiegt, immer wieder, und jeder Sieg hatte das Monster genährt. Grosse Krieger und erfahrene Kämpferinnen standen ihm entgegen, Menschen, die ihr Leben dem Kampf gewidmet hatten. Aber sie wurden von seinem Äusseren getäuscht. Sie sahen den Mönch, den Stillen, den Sanftmütigen. Ihres Sieges sicher, lachten sie über den vermeintlich schwachen Gegner. Dann entblösste sich der Existenzverschlinger, und ihr Lachen wurde stumm. Da war kein Mönch mehr, sondern etwas Uraltes, Erbarmungsloses, das keine Gnade kannte, weil es keine Gnade für sich selbst kannte. Niemand hielt ihm stand. Obwohl Karaviro keine Kontrolle über ihn hatte, war er sich seines Schutzes gewiss. Eine faustische Partnerschaft: Er redete sich ein, Herr über seinen Dämon zu sein, während der Dämon längst durch seine Augen blickte.
Nun stand er vor Dharma Dragon Ultra, dem Hüter des Waldes, dem Wächter der Schwelle. Dharma, das kosmische Gesetz. Dragon, die Urkraft. Ultra, das Jenseitige. Wer diese Schwelle überschreiten will, muss alles zurücklassen, was er zu sein glaubte. Und Karaviro dachte, er könnte auch ihn bezwingen.
Der Drache öffnete die Augen. Nicht zornig. Nicht drohend. Nur wach. Vollkommen wach. Augen wie Urseen, in denen sich die Ewigkeit spiegelte.
Karaviro sah sich darin.
Er sah den Jungen, der nie genug bekommen hatte. Er sah jeden Sieg, und hinter jedem Sieg dieselbe Angst. Er sah die Gesichter der Krieger, deren Lachen er zum Schweigen gebracht hatte. In diesen Augen war kein Urteil, keine Verachtung, keine Furcht. Nur Klarheit. Die furchtbare, befreiende Klarheit dessen, was ist.
Der Existenzverschlinger bäumte sich auf. Er war so gross geworden in der Welt der Menschen. Vor diesem Blick wurde er klein, bis er war, was er immer gewesen war: ein hungriges Kind. Ein Schatten, der sich für die Sonne hielt. Ein Schrei nach Liebe, verkleidet als Wille zur Macht. Wie eine Motte zum Licht rannte er gegen etwas an, das man nicht bekämpfen kann, weil es das Sein selbst ist. Unter den Krallen des goldenen Drachen fand er den Tod. Nicht als Strafe. Als Gnade.
Dann wurde es dunkel.
Nicht die Dunkelheit des Waldes. Eine andere. Alle Lichter erloschen, auch jene, von denen Karaviro geglaubt hatte, sie gehörten ihm. Gott schien abwesend. Die Schriften schwiegen. Die Übungen griffen ins Leere. Die Geschichte, die er sich über sich selbst erzählt hatte, löste sich auf wie Morgennebel.
Wer war er, wenn nicht der Sieger? Wer war er, wenn nicht der Starke? Wer war er ohne seinen Verschlinger?
Niemand. Nichts. Leere.
Wie lange er dort lag, wusste er später nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur an das Atmen des Drachen, langsam, wie Gezeiten. Ein. Aus. Ein. Aus. Und irgendwann merkte er, dass er mitatmete. Dass da, wo er nichts mehr war, noch immer etwas atmete. Nicht er. Und doch nicht ohne ihn.
In dieser Leere, die sich anfühlte wie das Ende aller Dinge, wurde nicht etwas Neues gemacht. Es wurde etwas sichtbar, das immer da gewesen war, unter den Schichten, hinter den Masken, jenseits von Stärke und Schwäche, jenseits von Sieg und Niederlage. Ein Name, der ihn getragen hatte, lange bevor er ihn kannte.
Pleroma Amnos Prema.
Die Fülle, die nichts mehr braucht, weil sie alles ist. Das Lamm, das sich hingibt, weil es nichts zu verlieren hat. Die Liebe, die keine Bedingung kennt, weil sie der Grund allen Seins ist.
Karaviro stand auf. Er war noch immer Karaviro. Seine Hände waren dieselben, seine Narben dieselben, sein Gang derselbe. Nichts von ihm war verloren gegangen. Aber alles stand nun an seinem Platz. Und als er in sich hineinhorchte, da war auch das Kind noch da, jenes hungrige, das so lange als Monster gewütet hatte. Es tobte nicht mehr. Es war gehalten. Zum ersten Mal hatte es genug.
Der Drache schloss die Augen wieder. Sein Atem wurde wieder zu Gezeiten, wieder zum kosmischen Ein und Aus. Der Wald atmete. Die Bäume neigten sich, als verbeugten sie sich vor dem, was geschehen war.
Karaviro ging zurück durch den Wald. Aber es war nicht mehr derselbe Wald. Oder vielmehr: Er sah ihn zum wiederholten Mal zum ersten Mal. Jedes Blatt ein Wunder. Jeder Schatten ein Segen. Jeder Schritt ein Gebet.
Am Waldrand, dort wo der Weg in die Welt der Menschen hinausführt, sass ein Krieger am Feuer. Karaviro erkannte ihn. Es war einer von denen, deren Lachen er einst zum Schweigen gebracht hatte. Der Krieger erkannte ihn auch. Er griff nach seinem Schwert.
Karaviro blieb stehen. Früher hätte sich in diesem Augenblick der Verschlinger erhoben. Jetzt erhob sich nichts. Er setzte sich ans Feuer, auf die andere Seite, und wartete. Lange sagte keiner ein Wort. Dann brach Karaviro sein Brot und reichte dem Krieger die grössere Hälfte.
Der Krieger nahm es. Er verstand nicht, was geschehen war. Aber er liess das Schwert liegen.
Der Seelenbaum hatte eine neue Frucht hervorgebracht. Und sie hing an demselben Ast wie die alte.